Parallelwelten

Immer, wenn ich die Haustür-/Wohnungstürschwelle einer Immobilie durchschreite, tauche ich in eine Parallelwelt ein. Eine Welt, in der man begründet und ernsthaft Voyeur ist, ja, sogar sein muss. Eine Welt, die meines Erachtens intimer ist als alle Einblicke, die Pizzaboten, Handwerker und Babybsitter erhalten. Weil man als Immobilienfotograf mehr „macht“ als sich nur umschauen. Es geht nicht um Gefallen oder Nichtgefallen. Es geht auch nicht (nur) um Ordnung, Sauberkeit oder Geschmack. Es geht darum, die Wohnung, das Haus, das Umfeld zu erfassen und dieses bestmöglich zu vermitteln. Den Altbaucharme genauso wie ein verkitschtes Ambiente oder einen völlig unemotionalen Leerstand.


Deko muss nicht gefallen. Aber wenn sie „durchgängig“ ist, dann zahlt das auf den Charakter ein.

Bei einer „Abbruchbude“ kann man nicht vermeiden, einen hässlichen Fliesenspiegel abzufotografieren, nackte Glühbirnenfassungen oder schiefe Rollos. Aber man kann versuchen, die Helligkeit, den Schnitt oder andere Charaktereigenschaften zu erfassen. Einen sonnenbeschienen Balkon, auch wenn der nächste graue Häuserriegel in Wurfreichweite liegt. Eine größere Fensterfront in der ansonsten schmucklosen Wohnung. Ein lichtdurchflutetes Treppenhaus des Mehrfamilienhauses. Ein paar Meter Vorgarten oder Hinterhofromantik. Ein nett angelegter Flur- oder Eingangsbereich. Das sind die kleinen Perlen, die das ansonsten stupide Ablichten der Zimmer und Flure so spannend machen. Und ich glaube, dadurch unterscheiden sich auch im Wesentlichen die Maklerfotos. Egal, wer sie macht, Immobilienfotografen oder Makler selbst, Bekannte oder Hobbyisten, sie werden alle die gleichen Räume ablichten. Die Ergebnisse werden aber variieren. Ich meine nicht die Varianz wegen der „Handwerkskunst“ des Fotografierens. Sondern wegen der Bildauswahl, der Wahl des Blickwinkels und der Perlen. Und nur ein intuitives oder auch geschultes Auge weiß, was die Immobilie „anbietet“ und kann das einfangen. Da gibt es weder Checklisten noch Rezepte dafür.


Hinterhofromantik in der Innenstadt

Das einfachste sind natürlich die Immobilien, die aufgrund der Lage, der Größe, der Materialien oder der Einrichtung schon für „instagramtaugliche“ Wow-Momente sorgen. Das ist easy. Handwerklich korrekt draufhalten und fertig ist die Kiste.


Ich stehe hier in einer absoluten Luxuswohnung. Ein solcher Ausblick wertet das ohnehin außergewöhnliche Objekt zusätzlich auf. Ich gebe zu, da ist nur Grünzeugs, aber wenn man bedenkt, dass man mitten in Frankfurt steht… Die passende Außenaufnahme lasse ich aus Diskretionsgründen aus.

Ich habe auch eine Lernkurve. Und diese wird im Sinne eines KVP (kontinuierlicher Verbesserungsprozess) immer weiter getrieben. Jede Immobilie, jedes Foto dient dazu besser zu werden. Leider und gottseidank auch jeder Fehler.

Ich bin nicht so eitel, um zu behaupten, ich würde keine Fehler machen. Im Gegenteil, ich finde Fehler, solange sie einen weiterbringen und nicht (zu sehr) dem Kunden schaden, eigentlich eher eine super Grundlage, um mich ständig zu verbessern.

Beispiele gefällig?


Die Kunst, Leere zu fotografieren. Hier noch besonders schlecht durch die Wahl der Blickrichtung und durch die deutlich sichtbare Vignettierung.

Dann formuliere ich diese Beispiele mal andersherum als meine lessons learnt:

  • Teste ein neues Objektiv. Teste auch die neue Gegenlicht-/ Streulichtblende. Nichts ist ärgerlicher, als erst am Abend nach dem Shoot auf dem großen Monitor die Vignettierung zu sehen…
  • Reinige dein Equipment vorher. Alles. Ich meine alles. Auch hier gibt es nichts Ärgerliches als erst später zu entdecken, dass ein Staubkorn auf dem Sensor war.
  • Checke den Batteriestand. Und damit meine ich alle Batteriestände. Also von Kamera und Ersatzakkus angefangen über Blitz falls vorhanden und benutzt wird bis hin zum Fernauslöser oder der Ersatzkamera
  • Checke immer mal wieder die Fotos zwischendurch. Ich vermeide es zwar, nach jeder Aufnahme zu schauen, das unterbricht mich irgendwie. Aber trotzdem ab und zu. Nur so kann man entdecken, dass draußen im Garten plötzlich Personen ins Bild reingelaufen sind oder im Türausschnitt stehen.
  • Achte darauf, wo dein Equipment steht. Jaaa, ich gebe zu, auch ich habe schon meine Fototasche auf der Dielenkommode stehen gelassen…
  • Kläre vorher, ob „Hochkantfotos“, also Portraitformat, vom Kunden akzeptiert werden. Nicht immer passt das in eine Agenturseite, eine Bildstrecke. Und wenn man das Minibad, in dem man sich mit Kamera nicht reinzwängen kann, hochkant abgelichtet hat, ist das doof.
  • Vergiss nichts bei der Abreise.
  • Lass dich durch neugierige Nachfragen der Nachbarn oder anderer Passanten nicht aus der Ruhe bringen.
  • Habe Visitenkarten parat.

Photobomb. (ein kleiner Ausschnitt des großen Bildes, aber deutlich als Person und „Störfaktor“erkennbar). Gottseidank durch die Belichtungszeit so unscharf, dass ich ihn nicht zusätzlich für diesen Blogbeitrag verpixeln muss.

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