Phrasendrescher I

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.


Ich beginne die Serie „Phrasendrescher“, weil:

  • Ich viele Zitate, Sprüche, Weisheiten satt habe
  • Es mich stört, dass andere, die diese Zitate äußern, immer davon ausgehen, dass man diese unwidersprochen hinnimmt, ja hinnehmen muss
  • Weil es nicht immer wahr ist
  • Weil ich meinen Frust darüber abbauen muss J Als Bild/Text-Therapie.

Jeder, ob Fotograf oder nicht, kennt Sprüche, Weisheiten der Allgemeinheit und O-Töne berühmter Menschen über die Fotografie, über Bilder, über visuelle Eindrücke generell. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Häufig stimmen sie, besser gesagt: häufig passen sie und man kann durchaus philosophische Ansätze erkennen. Was ich hingegen nicht mag sind die Abziehbildchen in Prosa, diese Kaffeetratsch-Weisheiten, diese so oft geäußerte und gehörte Sprüche, dass man nicht mehr über deren Sinn nachdenkt sondern einfach nur hinnimmt und im besten Sinne den Kopf nickt.

So wie ein Small talk à la:

„Wie geht’s Dir?“

„Naja. Geht so. Muss halt.“

Ne, muss halt manchmal nicht.

In dieser Episode, und ich hoffe, ich kann mich zu mehreren aufraffen, denn Bullshit-Bingo-Zitate zu Fotos gibt es zuhauf, geht es um den Klassiker schlechthin.

„Bilder sagen mehr als tausend Worte“

Wo es stimmt

Es geht mir nicht darum, die „Wahrheit“ dahinter zu verneinen. Manchmal gibt es Fotos, da braucht es keinen erklärenden Text dazu. Oder es ist, so wie es ist, einfach und tatsächlich der bessere Text. Ein Wortersatz. Ich gehe auch nicht darauf ein, ob das Bild bewusst durch den Fotografen in eine aussagende Richtung gelenkt werden soll.

Besonders bewegende Fotos, die der Weisheit vollumfänglich gerecht werden, finden sich beispielsweise in diesem äußerst bemerkenswerten Artikel:

https://www.nationalgeographic.de/fotografie/2017/03/kinderfotos-die-die-weltgeschichte-veraendern

Oder hier in diesem.


Und wo ich es lästig finde

Es geht mir aber um die Fälle, wo das eben für mich nicht der Fall ist. Und das ist in meinen Augen(!) die überwältigende Mehrheit aller Fotos, die ich sehe. Verlassen wir die Weltbühne und Pulitzerpreis-prämierte Fotos und tauchen ein in die „normale“ Fotografie. Ein Immobilienfoto im Exposé dient der Visualisierung der Fakten zu dieser Immobilie. Bestenfalls kommt einem Immobilienfoto die Hauptaufgabe des Emotionstransportes zu. 4 ZKB ist nicht sexy. Der Blick in den Garten schon.

Schöne Landschaftsaufnahmen brauchen keine Worte. Sie stehen für sich. Und wirken für sich. Wenn das der Kern der Aussage ist, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, dann träfe es hier zu. Aber müsste dann die Phrase nicht lauten: Ein Bild braucht keine Worte??

Bei Portraits und Streetphotography sehe ich das schon wieder ganz anders. Ich möchte erklärenden Zusatztext. Ich möchte wissen, wo und wann und warum es aufgenommen wurde. Ein wettergegerbtes Gesicht finde ich zwar interessant, es erzählt mir aber keine tausend Wörter. Alles wäre Spekulation. Wüsste ich beispielsweise, dass die Serie der Portraitfotos die letzten Ostseefischer Deutschlands zeigt (wie letztens in der Zeitschrift mare), dann finde ich das wesentlich spannender und eindringlicher.

https://www.mare.de/angezahlt-content-4081


Bitte mal nicht weiterlesen. Welche Gedanken gehen jetzt durch den Kopf?
Stellst Du Dir Fragen? Wie beispielsweise: warum ich das jetzt fotografiert habe? Welche Geschichte steht dahinter? Spielt das eine Rolle? Was soll das?

Hier sehen wir offenkundig eine Straßenmalerei. Soweit, so wahr. Der Grund, warum ich dieses Foto gemacht habe, ergibt sich aus dem Zeitpunkt und dem Kontext. Es war kurz nach dem Corona-Lockdown. In einer Anwohnerstraße nah bei mir zuhause. Es war warm und der übliche Eiscreme-Start in die Saison fand nicht statt. Und auch „unser“ Eisverkäufer in seinem Bus kam nicht. Hier hat offensichtlich ein Kind seine Sehnsucht und seine Wünsche „hingemalt“. Klar ist das auch nur (m)eine Interpretation. Aber eine, die im Kontext entstanden ist. Entstanden in einer Zeit der Angst, der Entbehrung und der Isolation. Ich frage mich bei sowas übrigens, welche Langzeitschäden, welche Auswirkungen diese Zeit auf die Psyche hat? Ohne diese Worte und Erklärung wäre das Bild langweilig und quasi nichtssagend. Meiner Meinung nach.

Fazit

Ich finde, dass Bild und Worte sich super ergänzen. Ergänzen sollten. Ein Bild ist meines Erachtens kein Substitut tausend Wörter. Im Idealfall ergänzen sich Bild und Wörter. Und erst dann entsteht eine (passende) Geschichte. A propos, eine weitere Weisheit besagt ja, dass gute Bilder Geschichten erzählen (müssen). Vielleicht komme ich zu diesem Punkt noch einmal separat.

Letztes Fazit und Versuch einen besseren Phrase:

Bilder sprechen eine andere Sprache.

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