Phrasendrescher II

Na, wer kennt sie nicht? Die Phrase:

„Bilder müssen Geschichten erzählen“

Also gemeint ist dabei: „Bilder müssen eine Geschichte erzählen, um gut zu sein. Eine weitere Fotoweisheit, die ich gerne mal kurz mit meiner Brille beleuchten will. Dumm nur, dass meine Brille nicht leuchten kann… Nehmt bitte meine Ausführungen nicht allzu ernst.

Ich habe mit dieser erst einmal unbestrittenen Aussage zwei „Probleme“.

Das eine betrifft das Wort „muss“. Das andere sind die Geschichten.

Klar gibt es Bilder, allen voran journalistische, die entweder eine Geschichte begleiten oder tatsächlich ohne Begleitmedium auskommen und „eine Geschichte erzählen“. Bilder von Naturkatastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen, Demos, etc. sind klar in ihrer Aussage. Sie vermitteln visuell ziemlich eindeutig die Gefühle wie Angst, Wut, Stolz, Leid, politische Message und Gesinnungen, all die Facetten menschlichen Daseins können in Bilder verpackt werden. Und Bilder eignen sich hervorragend als geeignetes und sinnvolles Transportmedium.

Jedoch gibt es auch gute Fotos, die eben keine Geschichte erzählen. Das betrifft das „muss“, das ich entkräften möchte. Zum anderen erzählen sie eventuell eine Geschichte, aber keine eindeutige. Die Geschichte entsteht bei mehrdeutigen Fotos beim Betrachter und sind damit willkürlich. Spekulativ. Interpretationssache beim Betrachter. Damit habe ich persönlich ein „Problem“. Wenn ein Foto eine Geschichte erzählen „muss“, um gut zu sein, dabei die Geschichte aber völlig unklar bleibt, ist das für mich(!) nicht greifbar, zu zufällig. Eben nicht gut. Für mich soll es darum gehen, dass der Fotograf eine Absicht hat. Eben eine Geschichte, die er rüberbringen möchte. Wenn diese aber völlig anders interpretiert werden kann, verliert dieser Mechanismus in meinen Augen an Kraft. Bei Portraits beispielsweise habe ich dieses Gefühl fast immer. Ich kenne im Regelfall nicht die Person, ich weiß oft nicht, in welchem Kontext fotografiert wurde, wie die Situation war. Ein Portrait erzählt für mich erst dann eine (eindeutige) Geschichte, wenn Randinformationen bekannt sind.

Es gibt keine eindeutige Wahrheit, was ein gutes Bild ausmacht. Eine Geschichte ist und bleibt allerdings kein alleiniges und meines Erachtens auch kein hinreichend adäquates Kriterium zur Beurteilung, ob ein Foto gut ist.

Bei Immobilienfotos dreht sich vieles gottseidank um Fakten, Tatsachen. Um Grundrisse, um Anzahl der Fenster, um Stil, um Grundriss, Raumaufteilung, um Ausstattungsmerkmale. Alles überhaupt nicht misinterpretierbar. Vielleicht fühle ich mich in diesem Fotoumfeld deswegen so beheimatet. A propos Heimat. Und zu einem Teil, um die Sehnsucht, dies zu einem Heim machen zu wollen. Sehnsüchte zu schüren. Immobilien sind Gebäude, die Schutz, Heimat, Geborgenheit, Leben, Familie, etc. bieten und damit höchst emotional aufgeladen werden. Beides zu vereinen ist der Anspruch an gute Immobilienfotografie.

Fazit:
Ich möchte die Phrase umändern in:

Gute Bilder berühren

P.S: Zum Beitragsbild: hier hatte der Fotograf keine Absicht und schon gar keine Geschichte im Kopf. Ist es deswegen ein schlechtes Bild?

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